Für ein Alter, das noch was vorhat — ein Lese-Appetitmacher

Ludwig Hasler, "Für ein Alter, das noch was vorhat"

Lud­wig Has­ler, “Für ein Alter, das noch was vorhat”

Loring Sitt­ler hat Lud­wig Has­lers Buch “Für ein Alter, das noch was vor­hat” gele­sen und war begeis­tert. Hier ist sein Lese-Appe­tit­ma­cher, für den wir uns bei Loring Sitt­ler herz­lich bedanken:

Altern­den Lese­rin­nen und Lesern, die Lust dar­auf haben, auch im Alter mehr vor­zu­ha­ben als zu rei­sen und zu kon­su­mie­ren und die noch eine „Antenne für das Tran­szen­dente“ (S.38) aus­fah­ren kön­nen — die­je­ni­gen wird die Lek­türe die­ses ful­mi­nan­ten Buches begeis­tern. Wer dage­gen seine „Welt als kal­ku­lier­bare Ver­gü­tungs­an­stalt“ betrach­tet und in sei­ner „gesät­tig­ten Gegen­warts­zu­frie­den­heit“ (S.16) mit der „Ich-Bewirt­schaf­tung“ (S.86), der „Selbst-Opti­mie­rung“ (S.19) und dem „Dichte-Stress“ (S.56) voll beschäf­tigt ist und die End­lich­keit sei­nes Lebens nicht leug­net, aber schlicht igno­riert (S.71) — die­je­ni­gen dürfte das inten­sive Plä­doyer von Has­ler für eine „Dra­ma­tur­gie des Alterns“ (S.82) ziem­lich verstören.

Has­ler zeigt scho­nungs­los die vor­herr­schende Per­spek­tiv­lo­sig­keit auf und ver­weist dabei auf die – trotz aller Vor­sor­ge­un­ter­su­chun­gen — kaum beherrsch­ba­ren gesund­heit­li­chen (Krebs, Herz­in­farkt) und geis­ti­gen Risi­ken wie Depres­sio­nen, Alko­ho­lis­mus, Burn-Out (S.46f. S.80). Dem bis­her übli­chen „Lebens­abend“ setzt er seine Wort­schöp­fung „gro­ßer Lebens­nach­mit­tag“ (S.18) ent­ge­gen und macht damit bild­haft klar, wie sehr sich die „Regie des Alterns“ ändert. Das Lesen macht bei die­sem Buch ein­fach immer wie­der Spaß: tief­grün­dig, aber kon­kret, in der Spra­che wie ein Thea­ter­stück verfasst.

„Was tun wir mit den geschenk­ten Jah­ren?“ (S.43) Auf diese zen­trale Frage ant­wor­tet Has­ler: „Wir sind nicht nur Akteure auf der Neben­bühne des Alters, wir spie­len mit auf der Haupt­bühne, mit unse­rer alters­er­wor­be­nen Intel­li­genz, einer reak­ti­vier­ten Alters­weis­heit, die mit der Intel­li­genz der Jün­ge­ren nicht kon­kur­riert, sie viel­mehr ergänzt.

So kön­nen wir noch im Alter aktiv an einer gemein­sa­men Zukunft teil­neh­men, auch wenn diese Zukunft nicht mehr unsere sein wird.“ (S.50) Und wei­ter: Das Alter „könnte zur Bühne unre­gle­men­tier­ter Ent­fal­tung wer­den. Zum inner­welt­li­chen Para­dies ist alles da: Zeit, Frei­heit, Fit­ness, Geld. Nicht bei allen, schon gar nicht bei allen gleich. Immer­hin bei vie­len aus­rei­chend.“ (S.38) Und diese Vie­len, etwa ¾ der Altern­den, die sind seine Zielgruppe.

Er unter­legt seine These „Wir leben auch im vor­ge­rück­ten Alter vom Mit­wir­ken und Ein­wir­ken.“ (S.85) mit drei gut ver­ständ­li­chen „Erin­ne­run­gen“: Die anthro­po­lo­gi­sche liest sich so: „Das Geheim­nis des glück­li­che­ren Alters könnte in der uralten Ein­sicht grün­den, wonach der Mensch ein sozia­les Wesen ist (Aris­to­te­les und 127 wei­tere Groß­den­ker). Und dass die­ses Sozi­al­we­sen …seine Höchst­form erreicht…an etwas mit­zu­wir­ken, das bedeu­ten­der ist als sein Ego. (S. 83)

Diese Art von Tran­szen­denz durch­zieht das ganze Buch. Die gene­ti­sche Erin­ne­rung lei­tet er mit dem Satz ein: „Wer (gemeint: frü­her!) im Alter ver­sorgt wer­den wollte, tat gut daran, sich nütz­lich zu machen in Werk­statt und Hof, solange es ging.“ und for­mu­liert dann die Frage: „Kön­nen wir es denn nicht 25 Jahre ein­fach schön haben?“ und ant­wor­tet: „Sicher, nur fin­den wir das dum­mer­weise bald nicht mehr so schön.“(S. 88)  Die sozio­lo­gi­sche, viel­leicht eher die demo­gra­fi­sche Erin­ne­rung hat er zum Teil vor­weg­ge­nom­men: „Der soge­nannte Genera­tio­nen­ver­trag ist nicht belie­big elas­tisch. Er erträgt es auf Dauer nicht, dass eine anschwel­lende Frak­tion von Pas­siv­mit­glie­dern ein­fach abhängt und stets län­ger Siesta macht. Abge­se­hen davon, dass wenige Alter scharf dar­auf sind, sich dem­nächst zu Tode zu lang­wei­len.“ (S. 78) Und ergänzt diese dritte Erin­ne­rung: Mit­wir­kung und „Arbeit in der Gesell­schaft gleicht der Rolle im Thea­ter. Ohne Rolle falle ich aus dem Stück. …Im demo­gra­fi­schen Ver­lauf sind wir unver­diente Gewin­ner, die Jun­gen lang­fris­tig unver­schul­dete Ver­lie­rer. (S.91/92)

Die Vor­teile der längst fäl­li­gen län­ge­ren Lebens­ar­beits­zeit demons­triert er kon­kret an vier „glück­lich täti­gen Älte­ren“ (ab S.92) und eini­gen ande­ren Frei­wil­li­gen-Pro­jek­ten. Und darum geht es ihm letz­ten Endes: Wie kann man beim Altern mehr Glück und Erfül­lung, mehr Lebens­sinn buch­stäb­lich erle­ben. Er schließt das Buch mit der „Lizenz zu ver­trot­teln“ (S.119) am wirk­li­chen Lebens­abend und frei nach Odo Mar­quard dem Zeit­ver­treib mit einer „soli­den Schand­maul­kom­pe­tenz“. (S.122) Bravo.

Lud­wig Has­ler, Für ein Alter, das noch was vor­hat, Rüf­fer & Rüb, 144 SEITEN, ISBN 978–3‑906304–53‑3, HARDCOVER, € 22.80. Auf der Web­seite des Ver­la­ges gibt es eine Lese­probe und diverse wei­tere Rezensionen. 

 

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